SFB 321: "Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit"


Teilprojekt B12:

Die Entwicklung volkssprachlicher und mittellateinischer Textgattungen
im europäischen Kontext

Laufzeit:

Januar 1994 - August 1996

Projektleiter:

Prof. Dr. Wolfgang Raible
Prof. Dr. Paul Gerhard Schmidt

Wissenschaftliche Mitarbeiter:

Dr. Barbara Frank
Dr. Thomas Haye
Dr. Doris Tophinke

Studentische Mitarbeiter:

Wiebke Bendrath
Susanne Buck
Bettina Deininger

EDV-Beratung:

Anneli Menzel




Konzeption des Projekts

Einleitung

Das Phänomen "Gattung" kann für das Mittelalter nicht aus der begrenzten Sicht einer Einzelphilologie betrachtet werden. Die Gattungen der Volkssprachen, das Französische, das Deutsche und das Englische, sind auf verschiedene Weise untereinander, vor allem aber mit den Gattungen des Lateinischen verbunden.
Die lateinische Schriftkultur bildet den Hintergrund für die schriftkulturelle Entwicklung der Volksprachen. Die volkssprachige Gattung ist keine "creatio ex nihilo". Sie ist das Ergebnis der Adaption lateinischer Gattungstraditionen für volkssprachige Kommunikationsinteressen.
Aber auch die lateinische Schriftkultur ist von der Aneignung der Schrift durch die Volkssprachen nicht unbeeinflußt geblieben.
Schließlich stehen die Volkssprachen untereinander in kulturellem Austausch. Der kulturellen bzw. schriftkulturelle Horizont reicht weiter als die Grenzen des Sprachgebiets. Dies muß sich zwangsläufig auch auf das Gattungssystem auswirken.
Das "Gattungsprojekt" trägt diesen Zusammenhängen in seiner interdisziplinären Konzeption Rechnung.


Klärung des Untersuchungsgegenstands

Eine theoretische Grundlegung des Gattungsbegriff muß analytisch zwei Aspekte unterscheiden.

a) Gattungen sind sprachliche Symbole, die in ihrer sprachlichen bzw. textuellen Form untersucht werden können. Hier handelt es sich um die linguistische oder textlinguistische Grundlegung im engen Sinne.

b) Textgattungen stehen auf einer allgemeineren Ebene aber auch als kulturelle Symbole neben anderen. Hier geht es um die Rolle und die Leistung von sprachlichen Gattungen für und in der Lebenswelt.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Gattungszuordnungen, die heute vorliegen, besteht Konsens darüber, daß Gattungen nur mit Blick auf den sozialen Kontext zu erfassen sind, in dem sie stehen. Gattungen stehen nicht nur in sozialen Kontexten; Gattungen sind als Strukturierungsleistungen selbst ein Stück Lebenswelt.
So gehören die frühen deutschen Segensformeln gegen Blutfluß, Fieber u.ä. vermutlich in den Kontext der Krankenpflege, wie sie im frühen Mittelalter noch den Klöstern oblag.
Darüberhinaus sind die Segensformeln aber auch konstitutiv für die Praxis der Krankenpflege. Ohne diese Segensformeln wäre es eine andere Pflegepraxis. In diesem Sinne enthüllen diese Segensformeln ein Stück der lebensweltlichen Praxis, wenn es gelingt, diese Gattungen in ihrer konstitutiven Rolle in der Praxis der mittelalterlichen Krankenpflege und Krankenheilung zu entschlüsseln.
Die uns erhaltenen Handschriften sind in diesem Sinne in der Schriftlichkeit fixierte Lebenswelt.
Gattungen sind folgerichtig keine konstanten Größen. Mit der Veränderung der Lebenswelt verändern sich auch die sprachlichen Verhältnisse und damit die Gattungen, die typisch erfaßt werden.
Dramatische Veränderungen im Gattungssystem bewirken im Mittelalter etwa das Aufkommen der Städte, die Konstitution einer Stadtschriftkultur, der Ausbau des Handel- nd Fernhandels (etwa sog. Lübische Verkehrssprache), Wissenschaft und Universitäten, .... um nur einiges zu nennen. Spürbar ist dies zunächst an der deutlichen Zunahme der Textproduktion, die einem Ausbau des Gattungssystems entspricht.
Die jeweiligen Gattungen, die als Reaktion auf neue oder veränderte kommunikative Interessen gefunden werden, leiten sich aber nicht zwingend aus den sozialen Umwälzungen ab. Vielmehr ist hier von einem Spielraum auszugehen, der durch den schriftkulturellen Horizont abgesteckt ist. Innerhalb dieses Spielraums ist nicht nur eine Lösung möglich . Die Geschichte der Gattungen ist keine Geschichte der Lösung kommunikativer Probleme.


Gattungen als Typisierungen

Anregungen für eine weitere Präzisierung dieser Überlegungen liefern die Arbeiten von Schütz und Luckmann. Sie haben aufgezeigt, daß das Typisieren von Dingen, Ereignissen eine grundlegende Operation ist. Die Lebenswelt, bzw. Alltagswelt, wie Schütz es formuliert, wird typisch erfaßt. Ich erfasse den Tisch als typischen. Selbst wenn mich das Typische am Tisch gar nicht interessiert, so habe ich ihn schon in seinem typischen Sinn erfaßt. Ich kann mich dem nicht entziehen. Leben in der Lebenswelt bedeutet, die Lebenswelt typisch zu erfahren.
Die Sprache liefert die Bezeichnungen für die Typisierungen, und das Lexikon stellt insofern ein hervorragendes Korpus für das Studium des Wissensbestandes dar. Mit dem Erwerb der Sprache und dem Hineinwachsen in die Lebenswelten werden die Typisierungen erworben.
Überträgt man diese Überlegungen auf die uns hier interessierenden Objekte, Texte, so liegt nahe, Gattungen als Typisierungen von Texte zu verstehen. Gattungen entsprechen dann Texttypisierungen.
olgt man diesen Überlegungen, so muß es in einem nächsten Schritt darum gehen, die und genau die Merkmale zu entdecken, an denen sich die Texttypisierung festmacht.
Um es konkreter zu formulieren: Welche der Merkmale etwa eines Predigttextes sind es, die dazu führen, daß er als Texttyp "Predigt" erfaßt wird?
Was kann Hinweise auf die mittelalterliche Texttypisierung liefern?
Mit dem wachsenden Interesse an der lebensweltlichen Praxis, in der einzelne Texte und Gattungen im Mittelalter gestanden haben, besann man sich in jüngerer Zeit wieder verstärkt auf die Beschäftigung mit den Überlieferungsträgern mittelalterlicher Schriftzeugnisse.
Die Untersuchung des überlieferten Handschriftenmaterials erweist sich als besonders wichtig im Hinblick auf die Frage nach der mittelalterlichen Typisierungspraxis. Denn die Rekonstruktion der konkreten Situationen, in denen mittelalterliche Schriftzeugnisse verwendet worden sind, die Erfassung von gattungstraditionellen Zusammenhängen, die in der graphischen Präsentation der Texte sichtbar werden und die Erfassung der von mittelalterlichen Schreibern vorgenommenen Gattungsbezeichnungen führt auch zu einem besseren Verständnis davon, wie der ma Mensch Texte wahrgenommen und Gattungstraditionen erfaßt hat.
Eine systematische Untersuchung der Codizes, nach der Anordnung und Zusammenstellung der in ihnen überlieferten Texte, nach deren graphischer Gestaltung und nach den Bennenungen der Texte und Gattungen durch die Schreiber, war eines der wichtigsten Ziele des Projektes. Im Folgenden sollen einige Hinweise darauf gegeben werden, welcher Art die Informationen sind, die aus unseren Untersuchung gewonnen werden konnten. Als Basis diente das Material, das das Teilprojekt B5 zu den ersten Jahrhunderten romanischer Schrift-produktion zusammengetragen hat, und das nun mit Hilfe einer Datenbank ausgewertet werden konnte.
Im Folgenden sind nur vollständig überlieferte Sammelhandschriften berücksichtigt worden, deren Zusammenstellung in die uns interessierende Zeit des Mittelalters fällt.


Einige Ergebnisse

Zusammenstellung von Texten und Gattungen in Sammelhandschriften

Nach ihrem chronologischen Auftreten bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts lassen sich grob drei Zusammenstellungstypen erfassen:

a) Ein erster Typ von Sammelhandschrift tritt besonders häufig in der Frühphase volkssprachlicher Schriftproduktion, also bis ins 12. Jahrhundert auf. Es sind ausnahmslos Codizes, die in Klosterskriptorien hergestellt wurden und in denen die romanischen Texte oder Textteile im Vergleich zu den lateinischen Texten nur einen kleinen Raum einnehmen. Diese Handschriften sind im Hinblick auf ganz spezifische und genau vorhersehbaren Verwendungs-situationen innerhalb des monastischen Lebens zusammengestellt worden. Hierzu gehören etwa Homiliare, Predigtsammlungen, die Glossen oder Kurze Passus in Volkssprache enthalten. Hierzu gehören auch Tropare, Sammlungen liturgischer Gesänge, in denen kürzere volkssprachliche Lieder oder Strophen überliefert sind. Daß diese volkssprachlichen Texte in der Liturgie eingesetzt worden sind, geht oftmals nur aus dem handschriftlichen Überlieferungskontext hervor. Ein Beispiel aus einem anderen Bereich des klösterlichen Alltagslebens stellt ein Codex dar, der zur Benutzung durch die Mönche gedacht war, die mit der Krankenbetreuung befaßt waren; in dieser Handschrift sind lateinische und volkssprachliche Kräuterrezepte und Segensformeln gegen bestimmte Krankheiten zusammengestellt.
Dieser erste Typ von Sammelhandschrift liefert also nicht nur wichtige Indizien über die Verwendung von schriftlichen Texten im klösterlichen Leben, sondern belegt gleichzeitig die große Bedeutung dieser Verwendungssituationen für die Einteilung und Einordnung der in ihnen typischerweise benutzten Texte. Ein solcher Typ von Textzusammenstellung ist nur in einer Gesellschaft sinnvoll, in der die Situationen, in denen schriftliche Texte zum Einsatz kommen, genau festgelegt sind und stabil bleiben.

b) Ein zweiter Typ von Sammelhandschrift, in dem volkssprachliche Texte v.a. ab dem ausgehenden 12. Jahrhundert überliefert sind, stellt Texte nach den spezifischen Interessen eines Klosters oder einer anderen, Institution des öffentlichen Lebens zusammen. Hierher gehört z.B. die Sammlung aller Texte und Dokumente, die die Reliquie eines Heiligen in einem bestimmten Kloster betreffen, und die neben Berichten über die Translation der Reliquie und Texten für die Messe des betreffenden Heiligen auch lateinische und volkssprachliche Lieder über das leben des Heiligen enthält. Ein weiteres Beispiel für diesen Handschriftentyp sind eine Slg. von Texten zur englischen Geschichte, die Waces 'Roman de Brut' enthält.
An dieser Art von Textzusammenstellung ist intreressant zu beobachten, daß die Zugehörigkeit eines volkssprachlichen Textes zu einer bestimmten Gattungstradition noch nicht fest zu sein scheint, und sich je nach Art der mitüberlieferten Texte ändert. So wird z.B. die Reimchronik des Wace in dem erwähnten Kodex eindeutig als historiographischer Text verstanden, während sie in mehreren Codizes derselben Zeit neben höfischen Versromanen überliefert ist und sich damit in die Tradition unterhaltender Erzähltexte stellt. In ähnlicher Weise werden in einem Codex Auszüge aus der anglon. Vita des Thomas aus ihrem sonst oft belegten hagiographischen Traditions-zusammenhang herausgelöst und als Gesetzestext mit dem Titel Les Leis Henri - die Gesetze Heinrichs (des ersten) - in eine Sammlung lateinischer Gesetze und Urkunden aus dem anglonorm. Herrschaftsbereich gestellt. Auch dieser zweite Typ von Sammelhandschriften ist ausschließlich in Klosterskriptorien entstanden, und für die Benutzung innerhalb des Klosters vorgesehen, wobei in einigen wenigen Fällen auch ein adliger Laie als Auftraggeber in Frage kommt.

c) Erst im Laufe des 13. Jahrhunderts entsteht ein dritter Typ von Sammelhandschrift. Es ist die Zusammenstellung von volkssprachlichen Texten, die alle derselben Gattungstradition zugeordnet werden, also etwa Sammlungen volksspr. Verslegenden, höfischer Versromane oder höfischer Lyrik. Herkunft und Auftraggeber dieser Handschriften sind uns in den allermeisten Fällen nicht mehr bekannt, aber vieles deutet darauf hin, daß dies die ersten Hand-schriften sind, die außerhalb des Klosters in professionellen Schreibateliers für private Auftraggeber hergestellt worden sind.
Kriterium für die Zusammenstellung dieser Handschriften sind weder spezifische Verwendungssituationen noch das spezifische Interesse eines Klosters oder eines bestimmten Herrscherhauses, sondern ein Gattungsverständnis, das auf vorwiegend formalen und thematischen Kriterien - wie z.B. Versmaß und Stoff - beruht und das damit modernen Vorstellungen von Gattungsklassifikationen am ehesten nahekommt.

Parallel zur Unterscheidung dieser drei Typen von Sammelhandschriften lassen sich nun Rückschlüsse auf die mittelalterlich Praxis der Texttypisierung vornehmen: Besonders im frühen Mittelalter scheint die konkrete Verwendungssituation ein ganz wesentliches Kriterium für die Einteilung von Texten gewesen zu sein. Ein bestimmter Typ von Text tritt immer nur in einer bestimmten Kommunikationssituation auf, wobei die Anzahl dieser typischen Situationen - jedenfalls was den Einsatz volkssprachlicher Schriftzeugnisse betrifft - auf wenige Bereiche des klösterlichen Lebens beschränkt bleibt.
Was vor allem bei den zweiten unterschiedenen Typ von Sammelhandschrift zutage tritt, ist die Tatsache, daß - wie es Ivan Illich formuliert hat - im Mittelalter zunächst noch der einzelne schriftliche Text eine untrennbare Einheit mit dem Codex darstellt und nicht als virtuelle Größe an sich wahrnembar ist. Für die Typisierung der Texte hat dies die Konsequenz, daß zunächst jeder einzelne in einem bestimmten Überlieferungskontext stehende schriftlich niedergelegte Text einer bestimmten Gattungstradition zugeordnet wird. Der gleiche Text, so könnte man sagen, kann je nach handschriftlichem Überlieferungskontext in unterschiedliche Gattungstraditionen eingebettet sein.
Der dritte Typ von Sammelhandschrift schließlich, der von seinem Auftreten her der jüngste ist, deutet auf eine Typisierungspraxis hin, die am ehesten an moderne Vorstellungen erinnert. Er stellt Texte nebeneinander, die sich v.a. in formaler und stofflicher Hinsicht gleichen.


Graphische Gestaltung der handschriftlichen Texte

Innerhalb der lateinischen Schrifttradition des Frühmittelalters haben sich feste graphische Gestaltungsmuster für bestimmte Gattungen herausgebildet. Diese Gestaltungsmuster waren auf die besonderen Bedürfnisse der Handschriftenbenutzer zugeschnitten.
Die Schreiber der frühen romanischen Texte, die ja an der lateinischen Schrifttradition ausgebildet waren, haben nun, wo immer es möglich war, vorgegebene Muster der graphischen Textgestaltung unverändert übernommen, und so läßt sich bei vielen romanischen Texten bereits an ihrer Gestaltung erkennen, in welche Gattungstradition sie sich stellen. Dies gilt etwa für Lapidarien und Bestiarien, für Psaloter, für paraliturgische Lieder, für religiöse Dichtung, Predigten, und viele andere Gattungen.
Auch für Texttypen , die in der lateinischen Schriftlichkeit kein direktes Vorbild hatten, da sie aus der mündlichen volkssprachl. Tradition stammten, wurde auf frühere Erfahrungen mit ähnlichen Texttypen zurückgegriffen und so bewußt an eine lateinische Texttradition angeknüpft. Die Schreiber der ältesten überlieferten Chansons de geste z.B. griffen auf das traditionelle Gestaltungsmuster antiker Epen zurück, die einzeilige Verskolumne.
An diesen Entwicklungen läßt sich ein ausgeprägtes Bewußtsein der Handschriftenhersteller für Gattungstraditionen erkennen. Speziell für die volkssprachlichen Schriftzeugnisse wird aber auch deutlich, daß sie bei ihrer Verschriftlichung automatisch in die Tradition des lateinischen Gattungssystems hineingenommen werden und oftmals allein dadurch schon wesentliche Veränderungen gegenüber ihrer Herkunft aus der mündlichen Praxis erfahren. An der graphischen Gestaltung der Texte lassen sich aber nicht nur die direkten Beziehungen volkssprachlicher Schriftlichkeit zur lateinischen Schrifttradition ablesen, sondern auch zahlreiche Interferenzen der verschriftlichten Volkssprachen untereinander. Beispiele hierfür wären etwa seitengestalterische Übernahmen englischer Vorbilder durch Schreiber anglonormannischer Texte oder die Übernahme des typischen Gestaltungsmusters der frz. narrativen Verstexte in ihren deutschen Bearbeitungen.


Benennungen der Texte durch die Schreiber

Was für heutige Leser der Klappentext und die Titelseite eines Buches ist, war für den mittelalterlichen Hörer eines vorgelesenen oder vorgetragenen Textes der Anfang des Vortrags. An dieser Stellen nennt sich der Autor, wird der Titel des Textes genannt, erfolgt manchmal auch eine kurze Inhaltsübersicht und wird vor allem Interesse und Aufmerksamkeit hervorgerufen. Wir nennen diese Bemerkungen über den Text metakommunikative Thematisierungen. Diese Stellen der überlieferten mittelalterlichen Schriftzeugnisse sind nun besonders aufschlußreich zur Rekonstruktion der Situationen, in denen Texte rezipiert worden sind, aber auch zur Erhellung der Frage, wie mittelalterliche Produzenten und Rezipienten Texte klassifiziert haben; denn die mit Abstand häufigste metakommunikative Thematisierung, die in unseren Dokumenten vorkommt, ist die Benennung der Gattung, der ein Text angehört. Während die Thematisierungen der Autoren literarischer Werke immer wieder untersucht und zusammengestellt worden sind, sind die vergleichbaren Angaben der Kopisten in den incipits und explicits der Handschriften bisher kaum beachtet worden. Auch die Kopisten thematisieren besonders häufig die Gattungen, denen die Texte zugeordnet werden und liefern damit direkte Zeugnisse für mittelalterliche Texttypisierung.. Gerade bei den Gattungsbezeichnungen lassen sich ganz erstaunliche Abweichungen der Kopisten gegenüber den Autoren verzeichnen. Dies ist umso interessanter, als der Zeitpunkt der Verschriftlichung der uns erhaltenen Kopien meist um mindestens ein halbes Jahrhundert später liegt als die vermutete Entstehung des Textes. In dieser Zeitspanne, so kann man nun feststellen, hat oftmals eine Entwicklung stattgefunden, die alte Texte im Lichte neuerer Gattungsbestim-mungen erscheinen läßt. Hierzu nur ein Beispiel: während in den Texten der Chansons de geste fast regelmäßig die Gattungsbezeichnung chancun auftaucht, werden dieselben Texte von Kopisten aus der Mitte des 13. Jahrhunderts ebenso regelmäßig als Romanz bezeichnet. Im Gegensatz zu den Autoren der Texte scheinen also für die Kopisten des 13. Jahrhunderts keine entscheidenden Unterschiede mehr zwischen der Chanson de geste und dem Versroman zu bestehen. Dies kann dadurch erklärt werden, daß die Chansons de geste im 13. Jahrhundert nicht mehr im Gesangsvortrag aufgeführt wurden, sondern wie die Versromane vorgelesen wurden. Hinzu kommt, daß die Chansons de geste, die in der Mitte des 13. Jahrhunderts entstehen, sich in Stil und Versform immer mehr der damaligen Modeform Höfischer Roman angeglichen haben.












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